HORST GANDER


 


Begleittext zum Katalog von 2009

Dr. Christoph Kivelitz
Das Eine und das Seiende
Zu den Farbsequenzen von Horst Gander

Der Aufbau der Bildobjekte von Horst Gander ist komplex – und doch einfach. In einem fest gefügten Raster treffen – scheinbar lapidar und zufällig – Farbrechtecke aufeinander, die in ihrer Schlichtheit sich doch jeder begrifflichen Festlegung und Beschreibung entziehen. Die seriell entstehenden Farbflächen bringen – jeweils für sich betrachtet – ein autonomes Farb-Form-Geschehen zur Anschauung, das doch die Bildgrenzen übergreift, Ausschnitte aus einem übergreifenden Ganzen darzustellen scheint. Diese Antagonismen lassen sich nicht zusammenführen. Gegensätze und Widersprüche sind Bestandteil und Ausdrucksweise der Bilder von Horst Gander. Der Künstler selbst spricht in Bezug auf seine Bildobjekte von Sequenzen oder Zeilen und benennt damit seinen interdisziplinären Ansatz, der über die Farbe und deren rhythmische Anordnung in Bereiche der Musik verweist. Das grundsätzlich sehr schmale, sich in die Horizontale streckende Bild stellt sich dar als lineare Partitur, als eine aus Farbnuancen und -schattierungen sich aufbauende Montage unterschiedlicher Stimmen, Tempi und Artikulationen.

Farbe liegt in der Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungsweisen und Kombinationsmöglichkeiten ein Ordnungskonzept zugrunde. Dieses ist in unterschiedlichen Formen – von Seiten der Natur- und Geisteswissenschaften – als Gesetzmäßigkeit erfasst und wissenschaftlich beschrieben worden. Auch am Anfang der künstlerischen Arbeit von Horst Gander steht ein Prinzip. Im wahrsten Sinne des Wortes hat er sich einen Rahmen geschaffen, der seinem künstlerischen Schaffen als Ordnungssystem zugrunde liegt. Dieses Regelwerk beruht darin, dass Gander gleichförmige Tafeln aus industriell gefertigtem Acrylglas mit Farben behandelt, um sie dann in Reihungen einem Aluminiumrahmen einzubringen und dann – gepaart oder einzeln – als Wandobjekt zu installieren. Zwischen den beiden Aluminiumschienen wird jeweils eine schmale Schattenfuge belassen, während die einzelnen Acrylglasplättchen Stoß an Stoß in diese Rahmung eingefügt werden. Es entsteht ein zwar in Segmente gestaffeltes, doch kontinuierlich durchlaufendes Farbband. Dieses allein im Hinblick auf Länge und Höhe der Aluminiumschiene variierte Grundprinzip liegt allen Werken Ganders unabänderlich zugrunde. Dabei geht es um den Gegensatz zwischen der exakten Form, die sich aus der maschinellen Fertigung ergibt, und dem Farbfeld, das infolge des individuell von Hand aufgebrachten Farbauftrags diese Präzision unterläuft. Der Herstellungsprozess ist komplex, höchst langsam und durch intuitives Reagieren bestimmt.

Die jeweiligen Bildstreifen schließen als Lösungen je andere Möglichkeiten der Realisierung mit ein; d.h. sie verweisen immer über sich hinaus auf andere denkbare Organisationen und Ergänzungen. Auf dieser Ebene äußert sich die Affinität des Künstlers zu einer zentralen Zielsetzung der Konkreten Kunst, so wie sie von Max Bill formuliert worden ist: "konkrete kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem maß und gesetz. sie ordnet systeme und gibt mit künstlerischen mitteln diesen ordnungen das leben. Dieses intellektuelle Konzept geht zurück auf eine bereits von van Doesburg getroffene Unterscheidung zwischen konkreter und abstrakter Kunst. Im Hinblick auf den Umgang mit Farbe und Faktur lässt sich allerdings in den Werken Ganders diese Unterscheidung nur partiell aufrechterhalten.

So behauptet Van Doesburg axiomatisch: "Die Farbe ist die Grundsubstanz der Malerei. Sie bedeutet nur sich selbst. Die Malerei ist ein Mittel, um auf optische Weise den Gedanken zu verwirklichen. Jedes Bild ist ein Farbgedanke. Bevor das Werk in Malerei umgesetzt wird, besteht es auf vollständige Art im Bewusstsein. Es ist auch nötig, dass die Realisierung eine technische Perfektion aufweist, die der des geistigen Entwurfes ebenbürtig ist. Wir arbeiten mit der Größe der Mathematik und der Wissenschaft, das heißt: mit den Mitteln des Denkens." Dem Postulat nach technischer, das Individuelle ausschließender Perfektion kommt Horst Gander nur im Hinblick auf die Struktur des Rahmens nach. Dieser universale, idealistisch gefasste Ansatz erführt bei Horst Gander eine Relativierung und Versöhnung mit der Welt der Wahrnehmungen. Die gleichförmigen Acrylglastafeln werden farblich zunächst so behandelt, dass sie im Hinblick auf Faktur, Farbton und -sättigung oder auch Tiefenwirkung ein logisch-begrifflich nicht zu strukturierendes Variationsspektrum umreißen. In unterschiedlichen Graden geben sie den Gestus des Farbauftrags, mithin den künstlerischen Gestaltungsprozess als subjektive, impulsive, durch Gefühle und Vorstellungen angetriebene Setzung zu erkennen. Die Farbsubstanz wird in dünnen Schichten mit unterschiedlichen Instrumenten, mit mehr oder weniger dünnem Pinsel oder dem Spachtel, mehr oder weniger deckend oder lasierend aufgetragen. Teilweise wird sie wieder abgeschliffen oder durch andere Farbschichten überlagert. Strukturierte, aufgeraute stehen neben geglätteten, bisweilen auch angeritzten Oberflächen.

Bei beidseitigem Farbauftrag entstehen weitergehende räumliche Bezüge und Wechselwirkungen von Davor und Dahinter. Sequenzen gleichförmiger Acrylglasplatten, die sich aufgrund ihrer farblichen Behandlung und der hieraus sich beziehenden Oberflächenwirkungen doch wesentlich voneinander abheben, werden in Aluminiumrahmen zu Fünferreihen zusammengefasst; dann teilweise paarig oder als einzelne Farbstreifen präsentiert.
 


  Die Anordnung in einem schmalen Band hat zur Folge, dass das Bildobjekt als fortlaufender Streifen, als Sequenz, als Bewegungsfaktor betrachtet wird. Es scheint sich um einen momentanen Ausschnitt aus einer kontinuierlichen Entwicklung zu handeln. Die paarige Anordnung schafft bildimmanente Bezüge durch Farb- und Strukturwiederholungen, die sich der dynamischen Komponente retardierend entgegenstellen. Die mögliche Zentrierung der fünf Einzelsegmente auf eine vertikale Mittelachse wirkt dem horizontalen Richtungsimpuls der Bildkomposition entgegen. Glatte oder die Längsrichtung aufnehmende, breite Farbaufstriche dienen der Beschleunigung des Blicks; plastisch aufgeworfene, aufgeraute Oberflächen ziehen die Aufmerksamkeit des Betrachters hingegen an und erwirken wiederum ein Moment der Verlangsamung. Der Künstler setzt komplexe Wahrnehmungsprozesse in Gang, wobei Sehen sich als Summe einer unbestimmten Folge von Beziehungen im Spannungsraum zwischen der Exaktheit der Kästen und der Ausdrucksqualität der Farbe gestaltet.

Horst Gander verfolgt konsequent die Fragestellung, wie sich in einer maximal reduzierten Bildkomposition doch Gegensätze formulieren lassen, um doch gleichzeitig eine in sich autonome Einheit zur Anschauung zu bringen. Jede einzelne Farbtafel figuriert im Rahmen der jeweiligen Gesamtkonstellation von Einzelbildern als Tableau, das Naturassoziationen befördert, zeitliche Strukturen in sich trägt, die Wahrnehmung an sich zieht und verzögert oder aber beschleunigend über sich hinausweist und den Blick auf andere Elemente des Gesamtgefüges ausrichtet. Gander unterläuft hiermit spielerisch das Dogma einer absolut in sich selbst genügsamen Farb-Form-Ordnung, um die Konzepte gestisch motivierter Malerei, des abstrakten Expressionismus und der konkreten Kunst in einem offen gewebten Spannungsgefüge aufeinander zu beziehen. Horst Gander spielt eine Farbpalette und verschiedene künstlerische Methoden durch, um ganz unterschiedliche Stimmungen und Empfindungen zu befördern. Diese führen zumeist - allein schon aufgrund der möglichen Bezugnahme auf eine Horizontlinie – landschaftliche Vorstellungen herbei. Die horizontal gestreckten Bildobjekte bauen sich aus farbigen Segmenten auf, die in horizontaler Ausdehnung in das Bildfeld einfließen bzw. in gegenläufiger Ausrichtung auf ihr Umfeld ausstrahlen.

Die Gesamtkomposition gestaltet sich energetisch aus divergierenden Aktionsfeldern, aus einem an- und abschwellenden Farb-Form-Geschehen. Gestisch aufgebrachte Farbflächen und haptisch erfahrbare Oberflächen verdichten sich auf dem transparenten Bildträger zu mehr oder weniger autonomen Subzentren, die über die ihnen gesetzten Grenzen pulsierend ausschweifen, über die Fläche strahlen oder sich in sich zusammenziehen.

Horst Gander entwickelt ein Konzept von Malerei, das der Farbe eine eigenständige Rolle und Dynamik zuweist. Grundlage ist ihm die physiologische Gegebenheit der menschlichen Wahrnehmung von Farbe. Mehrteilige Farbkonstellationen bilden einen rhythmisch erfahrbaren Klang. Die Bildobjekte sind beweglich und dynamisch, nichts ist statisch und endgültig gefügt, das Auge ist in eine sich selbst organisierende Laufbewegung versetzt. Gerade diese Untersuchung bietet dem Künstler ein immer neu sich definierendes Experimentierfeld. Dieses betrifft die Fragestellung, welche Konstellationen von Form, Farbe und Faktur welche Gefühlslagen und assoziativen Verknüpfungen mit sich bringen. Wie weit kann in dieser Ausformulierung gegangen werden, ohne damit das Regelwerk der konkreten Kunst gänzlich zu verlassen bzw. zu zersetzen? Es ist ein fortlaufendes Experiment zum Thema der Farbe und zu den durch sie ausgelösten Wahrnehmungsweisen. Ein weitestgehend reduzierter Bildträger, der erst durch den Auftrag von Farbe als körperhaft empfunden wird, gewinnt durch die Einfassung in den Aluminiumrahmen Objektcharakter, wodurch die Farbe selbst eine dinghafte Qualität bezieht. Kompakter Farbauftrag akzentuiert diesen Eindruck von Dichte und physischer Präsenz, während transparente, lückenhafte Farbauftragungen die dadurch entstehende Schwere in ihrer lichthaften Inkonsistenz in Frage stellen. Das immergleiche oder zumindest ähnliche Grundraster entfächert sich in eine schier unendliche Variationsbreite in Farbe und Gestalt; es eröffnet sich eine Vielzahl von Antinomien und Gegensätzen, als Bestandteil einer übergeordneten Ganzheit, die gerade durch diese Differenzen eine Bestätigung ihrer substantiellen Identität erführt. Im Wechselspiel von Fläche und Grund bringen die Bildobjekte ein raum-zeitliches Kontinuum zur Anschauung. Aus widerständigen Kräften und Impulsen konturiert sich eine Bilderzählung, die mit linearen Textstrukturen nichts mehr zu tun hat, in der zwar Sequenzen spürbar werden, diese aber in einem vieldimensionalen Bildgeschehen verfließen, in dem das Zuvor und das Danach absolut aufgehoben sind. Die Komposition droht ständig in autonome Einheiten zu zerfallen, findet jedoch immer wieder zu neuen Zusammenhängen, sei es über komplementäre Farbbezüge, Verschränkungen oder über motivische Wiederholungen und Paraphrasen. Jede einzelne Farb-Form-Einheit steht gleichsam als Klangphänomen für sich, manifestiert sich als autonome Zelle, die doch in einem übergeordneten Bezugsrahmen ihren Ort findet. Dieses System ist allerdings nicht auf zuvor festgelegte Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen, er artikuliert sich vielmehr erst im Vollzug der Bildgestaltung bzw. -anschauung je neu, ephemer und permanent revidierbar.

Hierzu ein Zitat zum Thema des Farbklangs aus den theoretischen Schriften Kandinskys: "Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten. Der Künstler ist die Hand, die durch diese oder jene Taste zweckmäßig die menschliche Seele in Vibration bringt." Bei diesem Rückblick auf ein Grundmotiv der Synästhesie ist allerdings nicht davon abzusehen, dass Horst Gander einen grundsätzlich anderen Ausgangspunkt findet. Seine Bildobjekte können zwar in durchaus vergleichbarer Weise wahrgenommen werden, es geht jedoch nicht primär um das Hinführen von der optischen zur akustischen, entsprechend höher bewerteten sinnlichen Empfindung. Der Künstler macht sich vielmehr Kompositionsprinzipien der Musik zu Eigen, um mit diesem Instrumentarium freie Farbformationen zu verknüpfen und dann in einem fest gefügten Raster einen dem Musikalischen analgen Erlebnisraum zu umreißen. Farbe versteht sich hierbei nicht als Reflex oder Schattenwurf aus einer geistig zu fassenden Wirklichkeit, vielmehr im Sinne der konkreten Kunst als für sich stehende Realität, die unmittelbar sinnlich wirkt und durch ihre jeweligen Erscheinungen und Verwandlungen in Farbsequenzen ganz eigenwertige Gefühle und Gedanken provoziert. Indem der Betrachter diese Anreize aufnimmt und verarbeitet, wird er zum Mitspieler einer farblichen Partitur, die in dieser einfühlenden und emphatischen Betrachtung auf subjektive Weise permanent neu und jeweils grundsätzlich anders zur Aufführung gebracht wird.

Dr. Christoph Kivelitz